STRATEGIE: INTERVIEW MIT DEM VORSTANDSVORSITZENDEN

Wolf-Henning Scheider
im Gespräch

Der Vorstandsvorsitzende gibt Einblicke, wie sich der Technologiekonzern auf den Wandel einstellt.

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Herr Scheider, wie bewerten Sie die Geschäftsentwicklung im vergangenen Jahr?

2019 war für die Automobilindustrie ein schwieriges Jahr. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und die Herausforderungen aus der Transformation haben uns sehr gefordert. Es gab aber auch Chancen. Diese haben wir genutzt und wichtige Aufträge für die Zukunft gewonnen. So konnten wir signifikantes Neugeschäft generieren – in den Bereichen E-Mobilität, AD/ADAS und in der konventionellen Technik. Letztere wird uns weiterhin die Kraft für unsere Investitionen geben.

In Innovationen ...?

Genau, insbesondere auch dafür. Wir haben auch 2019 unsere Transformation entschlossen vorangetrieben. Mehr als sieben Prozent unseres Umsatzes wendeten wir für Forschung und Entwicklung auf.

Und wie sah das Jahr wirtschaftlich aus?

Dank entschlossener Anstrengungen konnten wir unser Ergebnis im zweiten Halbjahr verbessern. Wir haben die Kosten gesenkt und die Kapazitäten an den Absatz angepasst, sodass die Ertragsdaten in unserem zur Jahresmitte korrigierten Erwartungskorridor liegen. Unsere Zielvorstellungen sind aber andere. Deshalb müssen wir insbesondere an unseren Kosten weiter arbeiten.

Mit dem geplanten Kauf von WABCO wird ZF innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal sehr deutlich wachsen.

Die Übernahme von WABCO ist für uns ein wichtiger Meilenstein. Wir gehen davon aus, dass wir den Zukauf in Kürze realisieren. Mit den Produkten von WABCO sind wir in der Lage, autonomes Fahren in Nutzfahrzeugen wesentlich schneller darzustellen. Wir können unseren Kunden ein Gesamtsystem vom Antriebsstrang mit elektrischem Antrieb, Chassis bis zu Achsen inklusive Bremsen und Lenkung anbieten. Hinzu kommt, dass wir mit dem geplanten Zukauf noch mehr Kraft aufbauen, die wir auf unserem weiteren Weg brauchen. Und dass wir mit unseren Vorstellungen die Mobilität der Zukunft prägend mitgestalten wollen, bringen wir ja zurzeit mit unserer Kampagne #MobilityLifeBalance deutlich zum Ausdruck.

Der Erwerb kostet ZF rund sieben Milliarden Euro...

Für den Kauf konnten wir im vergangenen Oktober am Kapitalmarkt insgesamt 4,8 Milliarden Euro aufnehmen. Es wollten deutlich mehr Investoren zeichnen als wir benötigen. Das heißt: Der Markt sieht das Potenzial dieses Zukaufs.

Wie bringen Sie ein so breit aufgestelltes Unternehmen wie ZF auf das neue Tempo?

Durch unsere dezentrale Aufstellung sind wir schon heute wesentlich schneller, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Allein das hohe Niveau in unserer Branche erfordert das. Trotzdem müssen auch wir unsere Geschwindigkeit weiter steigern. Dazu setzen wir gegenwärtig zahlreiche Programme zur Operational Fitness um und erhöhen unsere Effizienz und Agilität noch einmal deutlich.

Wie gehen die Mitarbeiter diesen Weg mit?

Mir ist sehr bewusst: Die erfolgreiche Umsetzung solcher Projekte erfordert in den Konzerneinheiten ein hohes Maß an Engagement. Deshalb freut mich, dass die Unternehmenseinheiten und mit ihnen auch die Mitarbeiter diesen – mitunter auch schwierigen – Weg voll mittragen. Die Angst vor dem Unbekannten ist verständlicherweise manchmal stärker als die Neugierde auf das Neue und Unbekannte. Doch genau diese Schritte in eine unbekannte Zukunft müssen wir jetzt wagen. Die Schnelligkeit der Veränderung verlangt, dass wir Prozesse einfacher und besser machen, unser Leistungsportfolio überprüfen, Standorte verändern, Unternehmen in den Konzern integrieren, manche Aktivitäten einstellen und neue Wissens- und Technologiefelder konsequent erschließen. Und das tun wir – entschlossen, aber auch mit Augenmaß.

Und dann stellt auch das Klima inzwischen deutliche Forderungen an ZF.

ZF steht voll und ganz hinter den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Wir verfolgen eine klare Strategie, um mit unserer Technologie Teil der Lösung des Klimawandels zu sein. Aber wir müssen auch mehr dafür tun, unseren eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern. Trotz der schwachen Weltwirtschaftslage und vieler Initiativen, mit denen wir derzeit unsere Ausgaben reduzieren und Kostenstrukturen anpassen, werden wir 2020 weiter in Nachhaltigkeit investieren. Dabei konzentrieren wir uns auf die Felder, in denen jetzt gehandelt werden muss. Wir nutzen alle verfügbaren Wege, um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Zur Investition in eine nachhaltige Zukunft gibt es meiner Ansicht nach keine Alternative.

Die Klimadebatte gibt der E-Mobilität gerade Rückenwind. Fahren wir in Zukunft vor allem elektrisch?

Natürlich ist die Elektrifizierung ein Schlüsselweg für die Zukunft. Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass Technologieneutralität eine wesentliche Voraussetzung für echte Innovationen ist. Unsere Strategie umfasst deshalb mehr als nur eine Antriebstechnologie, beispielsweise Batterie-Elektrofahrzeuge sowie Plug-in-Hybride. Wir glauben an rein elektrische Antriebsstränge für Pkw und Nutzfahrzeuge für Kunden in Märkten mit geeigneter Infrastruktur und einer günstigen Geografie.

Und die Hybrid-Technologie?

Wir sehen Plug-in-Hybride als eine wichtige Lösung, um die Elektrifizierung auf den Massenmarkt zu bringen. Der Plug-in-Hybrid kombiniert das „Beste aus beiden Welten“: lokal emissionsfreies Fahren und Langstreckenfähigkeit. Die nächste Generation von Plug-in-Fahrzeugen wird eine reale elektrische Reichweite von rund 80 Kilometern und mehr schaffen. Das Ergebnis ist eine vollständige Elektrifizierung im Stadtverkehr und im täglichen Pendlerverkehr, ohne Angst vor der Reichweite. Das ist eine großartige Lösung für Haushalte mit nur einem Auto, das alle Mobilitätsbedürfnisse abdecken muss.

Was bedeutet das für die Arbeitsplätze?

Gerade die Hybridisierung ist der Hebel, um unsere Industrie zu verändern und Arbeitsplätze zu sichern. Wenn der Green Deal der EU ein Erfolg werden soll, müssen Plug-in-Hybride ein zentraler Bestandteil der Strategie sein. Mit anderen Worten: Wenn wir den politischen Schwerpunkt richtig setzen, könnte der Green Deal sogar zu einem Beschäftigungsschub führen.

Wie weit sehen Sie die Branche auf dem Weg zum automatisierten Fahren?

Das automatisierte Fahren wird sukzessive kommen. Zunächst im Nutzfahrzeug bis Mitte der 2020er Jahre und dann – wenn die Menschen ihre durchaus nachvollziehbaren Vorbehalte abgebaut haben – im Individual-Personenverkehr.

Und wo steht hier ZF?

Wir entwickeln zum Beispiel gerade mit hohem Mitteleinsatz autonome Shuttle-Fahrzeuge, denn sie treffen den Nerv der Städte: Diese Fahrzeuge können Hauptprobleme der Verkehrsbelastung und der Emissionen lösen und gleichzeitig den Komfort und die Verfügbarkeit des öffentlichen Verkehrs auf hoch frequentierten Linien erhöhen. Die neuen Verkehrsmittel können den öffentlichen Nahverkehr in den Städten grundlegend revolutionieren.

Aber das automatisierte Fahren verändert auch die Art und Weise, wie wir über die Sicherheit der Fahrgäste denken. Neue Sitzpositionen erfordern anpassungsfähige Sicherheitstechnologien. Deshalb überarbeiten unsere Ingenieure derzeit Technologien wie Sicherheitsgurte und Airbags, um den zukünftigen Realitäten des Fahrens gerecht zu werden. In Zukunft arbeiten aktive und passive Sicherheitstechnologien Hand in Hand. Wir haben uns mit unserem Unternehmen darauf verpflichtet die „Vision Zero“, also null Unfälle, zu verwirklichen.

Die ersten Monate des neuen Jahres liegen bereits hinter uns. Was hat sich ZF für 2020 vorgenommen?

Wir werden nahtlos an die Maßnahmen und Themen des Vorjahres anknüpfen. Wir werden das Tempo hochhalten, weiter an unserer Leistung arbeiten und intensiv in die Zukunftstechnologien investieren. Unsere Strategie „Next Generation Mobility“ gibt uns dafür den Weg vor. Parallel dazu werden wir weiter unsere Strukturen anpassen und Kosten senken. In allen Bereichen laufen Initiativen, um noch effektiver und schneller zu werden. Dies ist wichtig, denn bei gleichbleibendem Umsatz müssen wir die höheren Ausgaben in unsere Zukunftssicherung, also in Forschung und Entwicklung, in E-Mobilität und automatisiertes Fahren, durch Einsparungen an anderer Stelle kompensieren.

Was wird Sie sonst noch beschäftigen und wie wollen Sie Ihre hochgesteckten Ziele erreichen?

Wir wollen zukünftig noch näher an unsere Kunden heranrücken. Dabei helfen uns unsere dezentrale Aufstellung und neue Leistungen in den Bereichen Service- und Kundenbegleitung. Ein wichtiger Meilenstein dafür war der Umbau unserer Vertriebsorganisation, der 2019 abgeschlossen wurde und der in diesem Jahr zur vollen Wirkung kommt.

Das alles schaffen wir nur mit veränderungs- und leistungsbereiten Mitarbeitern. Wenn wir die Zukunft der Mobilität mitprägen wollen, muss uns diese Zukunft in unseren Köpfen und Herzen bewegen. So entstehen die Ideen und so entwickeln wir die Kraft, die wir brauchen.

„Zur Investition in eine nachhaltige Zukunft gibt es meiner Ansicht nach keine Alternative.“

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Auf zahlreichen Events vermittelte Wolf-Henning Scheider die Ideen der #MobilityLifeBalance-Initiative.